Frauen und Finanzen Schweiz: Finanzcoach Melina Scheuber im Interview

Frauen und Finanzen Schweiz

Melina ist eine leidenschaftliche Schweizer Finfluencerin. Manchen dürfte sie bereits aus den Sozialen Medien wie LinkedIn oder Instagram bekannt sein. Über diese Kanäle publiziert sie regelmässig Beiträge rund ums Thema Geld. Daneben hat sie sich auf Finanzcoachings für Frauen spezialisiert. Im Gespräch mit Stefan spricht Melina unter anderem über ihre ersten Gehversuche im Geldverdienen in ihrer Kindheit, wie aus ein paar Urlaubstagen in Panama vier prägende Arbeitsjahre wurden, worauf sie die den Frauen oft nachgesagte Risikoscheue zurückführt und wie die drohende Vorsorgelücke geschlossen werden könnte. Schliesslich gibt sie – für Frauen und Männer – ihre fünf wichtigsten Finanztipps preis.

Das ausführliche Interview mit Melina zum Thema „Frauen und Finanzen Schweiz“ ist in die folgenden drei Teile gegliedert:

Teil 1 «Person Melina Scheuber»

Melina, du bist eine der wenigen Frauen, die sich nicht nur für Finanzthemen interessieren, sondern auch aktiv darüber sprechen. Wer bist du und wie kam es zu deiner Passion fürs Geld?  

Ich bin 34 Jahre alt und lebe mit meinem Mann in der Region Zürich. Beruflich bin ich einerseits als Portfoliomanagerin bei einer kleineren Vermögensverwaltung tätig. Anderseits führe ich als Selbständige Finanz-Coachings für Frauen durch. Meiner Passion fürs Geld ging eine längere Entwicklung voraus.

Welche Schlüsselerlebnisse haben dich in finanzieller Hinsicht besonders geprägt?

Ein einschneidendes Erlebnis für mich war sicherlich die Scheidung meiner Eltern. Ich war damals erst acht Jahre alt. Wir lebten in einem Dorf in der Innerschweiz. Das traditionelle Rollenmodell, wonach die Mutter auf die Kinder schaute und der Vater das Geld verdiente, war das dominierende und auch das gesellschaftlich am besten akzeptierte.

Wie erlebtest du diese Zeit nach der Scheidung?

Es war eine harte Zeit, die von vielen materiellen Entbehrungen geprägt war. Meine Mutter musste sehr sparsam haushalten. Aber nicht nur das: Sie war auch gezwungen, nach Jahren ohne Erwerbstätigkeit von einem Tag auf den anderen einen Job zu suchen. Nur mit rigorosem Sparen und einem Zusatzverdienst kamen sie, meine Schwester und ich finanziell einigermassen über die Runden.

Und da wurde dir die finanzielle Abhängigkeit bewusst, in die deine Mutter sich begeben hatte?

Ja genau. Diese schmerzvolle Lektion für meine Mutter war auch prägend für mich. Ich lernte daraus, dich nie von einem Partner, vom Staat oder Arbeitgeber finanziell abhängig zu machen.

Welche anderen Ereignisse haben dein Wille nach finanzieller Unabhängigkeit gefestigt?

Als ich 18 war, zogen wir nach Zürich zum damaligen Freund und heutigen Mann meiner Mutter. Am Familientisch diskutierte mein Stiefvater oft und gerne über Wirtschaft und Finanzen. Mich inspirierten diese Gespräche sehr und so gewann ich mehr und mehr Interesse am Thema «Geld».

Frauen und Finanzen Schweiz

Melina Scheuber, Schweizer Finfluencerin

Wie hast du dein erstes Geld verdient?

Die ersten Franken habe ich bereits als Kind verdient. So habe ich beispielsweise Armbänder gebastelt und diese dann verkauft. Ein anderes Geschäftsmodell von mir war der Eiervertrieb. Und das ging so: Zuerst habe ich mich im Quartier erkundigt, wer frische Eier benötigt. Die bestellten Eier habe ich dann beim «Hühner-Nachbarn» gekauft, welcher mir jeweils eine Süssigkeit mit auf den Weg gab. Mein eigentlicher Lohn daraus bestand jedoch aus dem Münz, welches mir die Eierkäufer für meinen Service zusteckten.

Später als Teenager folgten dann einige Sommerjobs, wo ich beispielsweise im Geschäft meines Vaters mit einfachen Arbeiten ein paar Franken verdient habe.

Nach diesen ersten Gehversuchen im Geldverdienen: Wie entwickelten sich deine Cashflows weiter?

Klassisch mittels einer Lehre. Ich entschied mich für eine Banklehre bei der UBS. Von meiner Mutter vor die Wahl gestellt, einen Teil meines Lohnes abzugeben oder alles selber zu finanzieren, entschied ich mich für Letzteres.

Ein guter Deal?

Nein, in finanzieller Hinsicht war es ein schlechter Deal. Aber selbstbestimmt über meine Finanzen zu walten, war mir einfach wichtiger. Heute vor die Wahl gestellt, würde ich wieder genau gleich entscheiden.

Nach der Banklehre hast du ein Betriebswirtschaftsstudium an der ZHAW absolviert. Danach folgten verschiedene Auslandaufenthalte. Inwieweit hat deine Reisefreude deine Passion für Geldfragen beeinflusst? 

Meine Einblicke in andere Kulturen und Wirtschafssysteme in Asien, Zentral- und Südamerika haben mein Mindset für Geldfragen stark beeinflusst. So wurde mir die finanzielle Misere vieler Frauen deutlich vor Augen geführt. Insbesondere, wenn Kinder im Spiel sind und die Väter keine Verantwortung übernehmen wollen, droht den Frauen in diesen Ländern der rasche Abstieg in die Armut.

Worin liegen deiner Meinung nach die Ursachen für diese Misere?

Das Hauptproblem sehe ich in der fehlenden Gleichstellung der Frauen sowie in der schlechten Bezahlung. Im Angestelltenverhältnis, z.B. als Bürogehilfe oder als Reinigungskraft, verdient man in diesen Ländern sehr wenig. Im Gegensatz zur Schweiz führt in Zentral- und Südamerika ein Leben in Wohlstand oft nur über eine selbständige Tätigkeit.

Du verbrachtest mehrere Jahre in Panama. Wie kam es dazu?

Eigentlich wollte ich dort nur einen Freund für einige Tage besuchen. Als ich bei seiner Arbeitsstelle, eine lokale Bank, auf ihn wartete, kam ein Berater zu mir und bot mir spontan einen Job in der Kundenberatung an. Ich nahm an – zu einem Monatslohn von 1’400 USD. Die darauffolgenden vier Jahre blieb ich als Bankangestellte in Panama, wenngleich ich meinen ersten Arbeitgeber nach neun Monaten wechselte.

Keine Frage, als frischgebackene Betriebsökonomin hättest du in der Schweiz ein Mehrfaches verdient. Aber kaufkraftbereinigt war es kein schlechter Lohn, oder?

Da die Preise in Panama verhältnismässig hoch sind, kam ich mehr schlecht als recht über die Runden. Aber ja, für panamaische Verhältnisse war es ein guter Lohn. Im Rückblick betrachtet, war die Zeit in Panama für mich vor allem eine wertvolle Lebensschule und weniger ein Karrierebooster.

Vor vier Jahren kehrtest du in die Schweiz zurück. Ein Kulturschock? 

Ja, zumindest was gewisse Finanzthemen betrifft. So war es für mich anfänglich nicht einfach, den Durchblick über unser Versicherungssystem zu haben. Doch ich liess nicht locker und habe mich akribisch, ja geradezu wie ein Nerd in dieses Thema eingelesen, bis ich es verstand. Ich bin nicht der Typ, der sich gerne auf andere verlässt.

Fühlst du dich auch als Frau in der Schweiz manchmal diskriminiert?

Ja, ich erlebe eine gewisse Ungleichbehandlung auch in der Schweiz. Um nur ein Beispiel zu nennen: Mir wurden von einem früheren Arbeitgeber schlechtere Konditionen für mein berufsbegleitendes Studium angeboten, als zwei meiner männlichen Arbeitskollegen im gleichen Jahr erhalten haben. Erst dank der Intervention meines damaligen Chefs wurde diese Ungerechtigkeit korrigiert.

Wie regelst du persönlich deine Finanzen?

Ich verfolge einen ganzheitlichen Ansatz und richte mich dabei an die Vermögenspyramide. Diese besteht aus den folgenden vier, nacheinander zu durchlaufenden Stufen:

  1. Versicherungen abschliessen mit dem Ziel, sich vor existenzbedrohenden Ereignissen finanziell abzusichern
  2. Notgroschen sicherstellen, um für Unvorhergesehenes finanziell gewappnet zu sein
  3. in die Altersvorsorge 3a einzahlen, um Vermögen im Alter aufzubauen und Steuern zu sparen
  4. Wertschriftensparen, um Vermögen aufzubauen

Und wie gehst du dabei konkret vor?

Zuerst habe ich ein Budget erstellt mit allen Einnahmen und Ausgaben. Darauf basierend habe ich dann die Sparbeträge festgelegt. Dabei verfolge ich das Prinzip «Zahle dich zuerst!». Das heisst, zuerst werden immer die Sparbeiträge investiert. Wenn es am Ende des Monats einmal knapp wird, schränke ich meinen Konsum ein und verzichte beispielsweise auf einen Restaurantbesuch.

Ist der konzeptionelle Teil erledigt, geht’s in die Umsetzung. Und da bin ich ein absoluter Fan von Effizienz.

Das heisst, du möchtest «im laufenden Betrieb» möglichst wenig Zeit für Finanzangelegenheiten aufwenden?

Ja genau. Die meisten Finanztransaktionen laufen bei mir komplett automatisiert ab.

Für welche Anbieter hast du dich bei deiner Finanzanlage entschieden?  

Ich möchte vorausschicken, dass ich nicht an bestimmte Anbieter gebunden bin. Das heisst, es handelt sich nachfolgend um eine Momentaufnahme, die morgen wieder anders aussehen kann.

Bezüglich meiner Altersvorsorge 3a habe ich bei Viac zwei Konten mit 100% Aktienanteil eingerichtet. Darauf wird automatisch bzw. mittels zweier Daueraufträge monatlich je einen fixen Betrag überwiesen.

Und auch beim freien Wertschriftensparen habe ich einen möglichst einfachen Weg gewählt. Per Dauerauftrag zahle ich monatlich einen Fixbetrag auf ein Wertschriftendepot des Robo-Advisors Clevercircles ein.

Neben dem Investieren im Sparplanmodus verfüge ich zudem über ein Wertschriftendepot bei Swissquote mit einigen Aktien-ETFs und -Indexfonds. Darin investiere ich manuell und unregelmässig, je nach Marktlage.

Weshalb hast du dich für den Robo-Advisor Clevercircles entschieden?

Ausschlaggebend für den Entscheid für Clevercircles war damals das breite Spektrum an Anlageklassen. So bin ich dort neben Aktien, auch in Immobilien, Edelmetalle und Rohstoffe investiert. Zweiter Pluspunkt ist, dass Clevercircles eine Währungsabsicherung anbietet. Schliesslich hat mich die hohe Flexibilität beim Rebalancing angesprochen.

– P a r t n e r a n g e b o t

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Fürs Gottenkind hast du dich für einen anderen Robo-Advisor, nämlich Findependent, entschieden. Weshalb diese Wahl?

Bei Findependent war für mich der tiefe Mindestanlagewert ab 500 CHF und die super einfache Handhabung ausschlaggebend.

– P a r t n e r a n g e b o t

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Weshalb bist du bei Swissquote und nicht bei einem günstigen ausländischen Broker wie DEGIRO oder Interactive Brokers?

Bei Swissquote bin ich schon viele Jahre. Damals hatte ich mein Depot wegen der hohen Gebühren von einer Grossbank zur deutlich günstigeren Swissquote transferiert. Die Wahl eines Schweizer Brokers ist mir aus Sicherheitsüberlegungen wichtig.

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Könntest du deine Sicherheitsbedenken gegenüber ausländischen Brokern noch etwas genauer ausführen? Teilweise bieten diese ja eine grosszügigere Einlagesicherung an als CH-Anbieter.

Bestärkt in dieser Haltung haben mich meine Aufenthalte in Südamerika. Mir wurde da bewusst, wie wichtig das Domizil deiner Finanzanlage ist und wie schnell diese durch politisch instabile Verhältnisse in Gefahr kommen kann.

Die Nachwehen von Corona und der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine führen global zu ökonomischen Verwerfungen, was sich aktuell auch in grösseren Kursverlusten an der Börse niederschlägt. Wie beeinflusst die aktuelle Weltlage dein Anlageverhalten?

An den monatlichen Sparplänen ändere ich überhaupt nichts. Bei einem kleinen Teil meiner Anlage verhalte ich mich opportunistisch und stocke meine Wertschriftenanlage bei Kursaussetzern auf. Solche antizyklischen Investments habe ich in den letzten Wochen einige gemacht.

Wie gehst du mit finanziellen Verlusten um?

Mittlerweile sehr gelassen. Aktuell sind bei mir viele Positionen durch die jüngste Korrektur an der Börse in die Verlustzone geraten. Ich bin aber überzeugt, dass langfristig und nicht zuletzt dank des Zinseszinseffekts eine positive Rendite resultieren wird.

Auf die Vorbereitung auf dieses Interview bin ich auf eine Aussage von dir gestossen, wonach du deine Finanzen von denjenigen deines Mannes trennst. Welche Gründe waren dafür ausschlaggebend?

Mein Mann und ich verfolgen in Finanzfragen die gleichen langfristigen Ziele. Darüber bin ich sehr froh, denn diesbezüglich stark unterschiedliche Ansichten können eine Beziehung belasten, ja bis zu deren Bruch führen. Bei der konkreten Umsetzung gibt es jedoch bei uns Unterschiede. Deshalb haben wir die Vermögensanlage voneinander separiert. Die laufenden Haushaltsausgaben finanzieren wir aber über ein Gemeinschaftskonto.

Vorsorge im Allgemeinen und der sogenannte «Gender Pension Gap» im Speziellen sind bevorzugte Themen von dir. Bitte erläutere, was damit gemeint ist?

Ja, sehr gerne. Ich muss da allerdings etwas ausholen. Denn Vorsorge fängt bei mir bei der Geburt an und geht über den eigenen Tod hinaus. Das Vorsorgethema reduziert sich also nicht nur auf die Altersvorsorge in Form unseres Dreisäulenmodells, sondern beinhaltet die gesamte Finanzplanung. Je nach Lebenssituation, in welcher sich ein Mensch befindet, rücken unterschiedliche Vorsorgethemen in den Fokus.

Mit dem «Gender Pension Gap» ist die Vorsorgelücke der Frauen gegenüber den Männern gemeint.

Du schreibst in einem aktuellen Beitrag auf LinkedIn, dass diese Vorsorgelücke im Alter rund 37% zuungunsten der Frauen betrage. Welche Rahmenbedingungen müssten deines Erachtens geändert werden, um mittelfristig diese Lücke zu schliessen?

Diese Vorsorgelücke hat vor allem kulturelle und strukturelle Ursachen. Dementsprechend sollten wir bei der Problemlösung dort ansetzen.

Gehen wir zuerst auf die kulturellen Ursachen ein. Was meinst du damit?

Gemäss einer NZZ-Umfrage von 2020 gaben 38% der Befragten an, dass Frauen nach der Geburt zuhause bleiben sollten, da eine Erwerbstätigkeit dem Kind schadet. Bei diesem kulturellen Aspekt müsste ein Umdenken in der Gesellschaft sattfinden, z.B. durch Aufklärung.

Meine Beobachtung ist zudem, dass es einen Stadt-Land-Graben gibt. Während Städterinnen nach dem Mutterschaftsurlaub oft 70% oder mehr arbeiten, sind es bei Frauen auf dem Land tendenziell geringere Pensen.

Und wo siehst du strukturell Handlungsbedarf?

Das mangelnde Angebot an Kindertagesstätten sowie deren hohe Preise erachte ich in struktureller Hinsicht als Hauptproblem. Hier könnte ich mir vorstellen, dass bei der Kinderbetreuung – analog zu unserer Volkschule – der Staat ein ausreichendes Angebot sicherstellt.

Aber auch die Wirtschaft sollte umdenken und vermehrt bereit sein, auch hochqualifizierte Arbeit in Teilzeit anzubieten.

Die Vorsorgelücke, die du ansprichst, betrifft die Pensionskasse, also die 2. Säule. Wäre es angesichts des stetig sinkenden Rentenumwandlungssatzes nicht klüger, statt sich auf die staatliche Vorsorge zu verlassen, stärker auf freies Wertschriftensparen zu setzen?  

Wie erwähnt, mein Ziel ist die finanzielle Unabhängigkeit. Das heisst im Pensionsalter möchte ich unabhängig von staatlichen Leistungen sein. Viele Leute können das aber nicht. Diese Menschen sind auf die AHV und die PK angewiesen. Und deshalb ist auch diese Vorsorgelücke von rund 37%, womit Frauen im Pensionsalter konfrontiert sind, von grosser gesellschaftlicher Relevanz. Diese Lücke bedeutet immerhin 20’000 CHF weniger Rente pro Jahr.

Verlassen wir die Altersvorsorge. In welche Anlageklassen investierst du und weshalb?

Cash halte ich für die Bezahlung laufender Rechnungen sowie für den Notgroschen. Bei meinen risikobehafteten Anlagen ist mir eine breite Diversifikation über mehrere Assetklassen wichtig. Aktuell bin ich in Aktien, Immobilien, Rohstoffe, Edelmetalle und ganz wenig Krypto investiert.

Welche Anlageklassen meidest du und weshalb?

Im jetzigen Marktumfeld investiere ich nicht in Obligationen. Die diesbezüglichen Renditen sind mir zu gering.

Teil 2 «Frauen und Finanzen»

In deiner Tätigkeit als Finanzcoach berätst du ja vorwiegend Frauen in Geldfragen. Welche Frauen kommen zu dir und welche Beweggründe haben sie?

Meistens coache ich Frauen im Alter zwischen 30 und 50 Jahre. Ihre Motivation ist oft die Einsicht nach einer längeren Phase des Hinauszögerns, dass es nun höchste Zeit ist, sich ernsthaft mit den eigenen Finanzen auseinandersetzen. Oft möchte die Frau auch einfach wissen, wie ihre finanzielle Situation oder jene der Familie aussieht und sicherstellen, dass sie / die Familie genügend abgesichert ist.

Manchmal ist der Auslöser auch konkreter Natur wie beispielsweise die Aufnahme einer selbständigen Tätigkeit, ein bevorstehender Jobwechsel mit neuer Pensionskasse oder eine Sendung über Finanzthemen wie beispielsweise die SRF-Dokuserie «Frauen und Geld».

Welche Themen stehen bei deinen Kundinnen im Fokus?

Grundsätzlich basieren meine Coachings auf einem ganzheitlichen Ansatz. Die Altersvorsorge ist aber oft das Thema, das meine Kundinnen zu Beginn aktiv einbringen. Zudem wollen sie – wie ich – ein möglichst einfaches bzw. effizientes Handling ihrer Finanzen.

Welches Vorwissen bringen sie mit?

Ihr Vorwissen in Finanzfragen ist eher gering. Dies zeigt sich auch daran, dass Cash in den meisten Fällen ihre grösste Vermögensposition ist.

Apropos hohe Cashbestände: Wie beurteilst du die den Frauen oft nachgesagte Risikoscheue beim Investieren?

Ja, es dürfte zutreffen, dass eine ausgeprägte Risikoscheue dem Naturell vieler Frauen entspricht. Von meinen Coachings weiss ich aber auch, dass Frauen durchaus in der Lage sind, risikospezifische Sachverhalte bei der Geldanlage zu verstehen. Es muss ihnen dies einfach jemanden verständlich erklären.

Und wie gehst du vor, um die Risikoscheue bei deinen Kundinnen abzubauen?

In einem ersten Schritt ist es wichtig, das eigene Risikoprofil zu kennen. Ich arbeite zudem gerne mit Grafiken, um die Funktionsweise der Börse und der unterschiedlichen Anlageklassen zu veranschaulichen. Es hilft die an sich etwas trockene Materie besser zu verstehen. Von meinen Kundinnen erhalte ich das Feedback, dass die Charts sehr hilfreich für das Verständnis sind.

Begegnest du auch Frauen, welche grundsätzlich gegen die Anlageklasse «Aktien» sind?

Ja, das gibt es durchaus. Wenn ich aber den Unterschied zwischen Sparen und Investieren grafisch aufzeige, ändern viele meiner Kundinnen ihre anfänglich kritische Haltung gegenüber Aktien. Sie verstehen dann besser, dass langfristig Aktien besser rentieren und Schwankungen, auch wenn sie kurzfristig stark ausfallen können, zu dieser Anlageklasse einfach dazugehören. Da der Grossteil meiner Kundinnen langfristig investiert, bleiben sie dann bei kurzfristigen Korrekturphasen auch ruhig.

Welche Feedbacks erhältst du von deinen Klientinnen? Gibt es auch Beschwerden, wenn sie nach Börsentauchern Verluste einfahren?

Nein, bisher glücklicherweise nicht. Im Gegenteil: Die Frauen zeigen grosse Dankbarkeit und streichen positiv heraus, wie erleichtert sie sind, endlich mit meiner Unterstützung die eigenen Finanzen geregelt zu haben. Für mich persönlich ist das sehr erfüllend.

Neben reinen Frauenevents nimmst du auch regelmässig an gemischtgeschlechtlichen Finanzanlässen teil. Welche Unterschiede inhaltlicher, aber vor allem auch atmosphärischer Natur stellst du dabei fest?

Bei Frauenevents herrscht jeweils eine super Stimmung. Erst kürzlich habe ich beispielsweise einen Workshop mit Frauen durchgeführt. Es gab viele Fragen, was zu tollen Interaktionen führte. Allgemein erlebe ich den Umgang unter Frauen als sehr unkompliziert. Sie geben sich Tipps, tauschen sich aus und vernetzen sich sehr einfach.

Gemischte Finanzanlässe bestehen in der Regel aus über 80% Männern. Dabei dominieren meist ernste Businessthemen.

Die meisten Finanzblogs sprechen eher Männer an. Schweizerfinanzblog.ch ist da keine Ausnahme. Was machen wir falsch?

(Lacht.) Diese Frage müssten wohl besser die Leute ausserhalb unserer Finfluencer-Bubble beantworten.

Lass’ mich vorausschicken, dass ich eure Artikel sehr gut verständlich finde. Ich denke aber, dass manche Frauen noch etwas mehr Story «drumherum» wünschten, d.h. die Einbettung des Finanzthemas in einen lebensnahen, alltäglichen Kontext. Zudem fokussiert euer und andere Finanzblogs stark auf das Thema «Investieren». Gemäss meinen Erfahrungen bevorzugen jedoch viele Frauen einen ganzheitlichen «Vorsorge»-Ansatz, der über das Geldanlegen hinausgeht.

Teil 3 «Persönliche Finanztipps»

Welches sind deine wichtigsten Finanztipps, welche du unsere Community zum Abschluss dieses Interviews noch auf den Weg geben möchtest?  

Da könnte ich dir zahlreiche aufzählen. Aber die für mich wichtigsten Tipps sind die folgenden fünf:

Tipp Nr. 1: Eigenverantwortung übernehmen

Das Wichtigste für mich ist die Erkenntnis, dass Finanzen, ob wir wollen oder nicht, uns das ganze Leben beschäftigen. Wir können die Regelung unserer Finanzen nicht an den Staat, den Arbeitgeber oder den Partner delegieren. Stattdessen müssen wir unsere Finanzen selber in die Hand nehmen. Und besonders an die Frauen gerichtet: Wir können nicht warten, bis sich alle kulturellen und strukturellen Rahmenbedingungen verbessert haben. Denn dies dauert zu lange.

Tipp Nr. 2: Am eigenen Mindset arbeiten

Um die erforderlichen Kompetenzen in Geldfragen aufzubauen und zu erhalten sollte sich jede und jeder regelmässig mit den eigenen Finanzen beschäftigen. Am besten eingebettet in den Tagesablauf. Ich selber höre mir wöchentlich mehrere Podcasts zu den Themen Wirtschaft und Finanzen an. Ständige Stimulierung fördert das Finanzverständnis. Zudem rate ich jeder und jedem über Geld zu reden. Auch dies fördert das Verständnis. Ich bin überzeugt, dass sich das Interesse in Geldfragen bei jedem Menschen entwickeln kann. Man muss sich nur damit auseinandersetzen. Wir planen so viel, Wochenenden, Ausflüge, Ferien etc. Aber viele regeln ihre Finanzen nicht, was sich früher oder später schmerzhaft rächen wird.

Tipp Nr. 3: Beim Jobwechsel die Pensionskasse genau ansehen

Es ist für mich ein absolutes Muss, vor einer Jobzusage die entsprechende Pensionskassen-Lösung des potenziellen Arbeitgebers zu analysieren. Nur so kann ich mir ein Gesamtbild und eine Entscheidungsgrundlage verschaffen, ob für mich der Job in Frage kommt oder nicht. Insofern kann jede und jeder Einfluss auf seine Pensionskasse nehmen. Mir scheint, dass Stellensuchende zu stark auf das Salär fokussiert sind, wenn es um den monetären Bestandteil geht. Wir sollten die Pensionskasse ebenfalls als Salärbestandteil betrachten und ihr ein höheres Gewicht beimessen. Eine gute Pensionskassen-Lösung ist schliesslich ein riesiger Hebel für die spätere Altersrente. Und nicht nur das: Es geht auch um die Risikoabdeckung bei Tod und Invalidität durch Unfall oder Krankheit. Ein aktuelles Beispiel dazu sind Arbeitsausfälle infolge von Long-Covid.

Tipp Nr. 4: Vorsicht bei der Reduktion des Arbeitspensums

Jede Reduktion des Arbeitspensums sollte bezüglich der langfristigen finanziellen Auswirkungen genau abgeklärt werden. Ziel ist es, auch für den Worstcase wie Scheidung (wenn Kinder im Spiel sind) oder Todesfall des Partners gut gewappnet zu sein. Dabei gilt es zu vermeiden, von Dritten finanziell abhängig zu werden. Mein Rat: Bleibt zumindest mit einem Bein im Erwerbsleben.

Tipp Nr. 5: Investieren und vom Zinseszins profitieren

Geldanlegen muss wirklich nicht kompliziert sein. Wichtig ist, dass man zeitnah beginnt und so möglichst lange vom Zinseszinseffekt profitieren kann. Für alle, die sich mit manuellen Trades an der Börse schwertun, gibt es heutzutage Robo-Advisors. Einfach einen Sparplan mittels eines Dauerauftrags einrichten und Monat für Monat automatisiert investieren. Einfacher geht’s nimmer!

Herzlichen Dank Melina für die interessanten Einblicke.

(Das Gespräch fand am 6. Juli 2022 im Restaurant Roots in Zürich statt. Das erste Mal begegneten sich Melina und Stefan einige Wochen zuvor am SIX BörsenTalk Flagship Event, wo sie beide an der Finfluencers Paneldiskussion teilnahmen. Wir berichteten über diesen Anlass hier.)

Ein Kommentar

  1. Sandra sagt:

    Ein ausfallend langer Auslandsaufenthalt ist wohl für jeden Lebenslauf ein Gewinn! Man verliert durch die Erfahrungen viele Ängste und findet zu sich selbst, zur echten Eigenverantwortung und kann klarer sehen, was man möchte.

    Danke für die Tipps!!

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